50 Jahre ist es her, dass im kanadischen Montreal die XXI. Olympischen Sommerspiele (17.Juli 1976 - 01.August 1976) stattfanden.

Die Vorzeichen? Denkbar schlecht: Streiks, ein endloser Winter und leere Kassen machten den Bau der Sportstätten zum Wettlauf gegen die Zeit.

Boykott, Provisorien und dicke Luft

Die Eröffnungszeremonie? Musste in einem unfertigen Stadion steigen. Die Sicherheitsvorkehrungen? Nach dem Olympia-Attentat von München 1972 extrem streng – aber unumgänglich. Und sportlich? Da hing der Haussegen komplett schief.

22 afrikanische Staaten boykottierten die Spiele, weil das IOC Neuseeland nicht ausschließen wollte. Der Grund: Neuseelands Rugby-Team (das gar nicht vom dortigen IOC vertreten wurde) war zuvor durch den südafrikanischen Apartheid-Staat getourt. Es war der Auftakt einer traurigen Boykott-Serie, die sich 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles fortsetzen sollte.

Doch trotz allem Chaos: Am Ende wurden es gelungene Spiele. Und für die Athletinnen und Athleten aus Mecklenburg und Vorpommern gab es reichlich Grund zum Feiern!

Das Schweriner Medaillen-Feuerwerk und weitere Top-Platzierungen

Der SC Traktor Schwerin und die Landeshauptstadt drückten den Spielen ihren Stempel auf:

Boxen: Jochen Bachfeld boxte sich im Weltergewicht sensationell zu Gold, Richard Nowakowski holte Silber im Federgewicht.

Volleyball: Gleich sieben Schwerinerinnen (u.a. Jutta Balster und Karla Roffeis) sicherten der DDR-Auswahl einen starken 6. Platz.

Leichtathletik: Die gebürtige Schwerinerin Gabriele Hinzmann holte Bronze im Diskuswerfen. Norbert Thiede schrammte als Vierter knapp am Podium vorbei, während Sabine Sebrowski Fünfte im Speerwerfen wurde (hier siegte Ruth Fuchs, Ex-Absolventin der KJS Güstrow). Zehnkämpfer Siegfried Stark erkämpfte einen starken 6. Platz.

Gold im Wasser: Michael Wolfgramm ruderte im Doppelvierer zu Gold. Die unvergessene, gebürtige Schwerinerin Andrea Pollack fischte phänomenale zwei Gold- und zwei Silbermedaillen aus dem Becken. Rosemarie Gabriel holte zudem Bronze über 200m Schmetterling.

Kraftsport: Gewichtheber Jürgen Ciezki stemmte sich im Schwergewicht auf Platz 5.

Rostock dreht auf: Von der Ostsee auf das Podium

Auch die Hansestadt Rostock schickte absolute Spitzenathleten über den Atlantik.

Segel-Bronze und Rad-Gold

Auf dem Wasser holte der gebürtige Rostocker Dieter Below gemeinsam mit Olaf Engelhardt und Michael Zachries Bronze im Soling-Segeln. Auf der Radrennbahn gab es hingegen kein Halten mehr: Günther Schumacher wiederholte seinen Triumph von München und raste mit dem bundesdeutschen Bahn-Vierer (u.a. mit Gregor Braun) erneut zu Gold!

Historisches Fußball-Gold

Es ist bis heute ein Meilenstein: Das einzige olympische Gold für eine deutsche Herren-Fußballmannschaft! Mittendrin: Der gebürtige Teterower Hansa-Spieler Gerd Kische und Ersatz-Keeper Hans-Ulrich Grapenthin (gebürtig aus Wolgast). Nach Siegen gegen Frankreich und die UdSSR putzte die DDR-Auswahl im Finale Polen mit 3:1 weg. (Erst 2016 gab es dank der Fussball-Mädels wieder olympisches Fussball-Gold für Deutschland!)

Silber-Krimi im Frauen-Handball 

1976 feierte der Frauen-Handball seine Olympia-Premiere. Die DDR-Frauen reisten als amtierende Weltmeisterinnen an. Nach Siegen gegen Rumänien, Japan und Kanada sowie einem Remis gegen Ungarn kam es zum Showdown gegen die UdSSR. Das Spiel ging knapp mit 11:14 verloren – am Ende stand eine stolze Silbermedaille. Mit Hannelore Burosch, Gabriele Badorek, Eva Paskuy und Christina Voß stellte der HC Empor Rostock gleich vier Leistungsträgerinnen dieses Silber-Teams.

Die Rostocker Ruder-Macht 

In der Königsdisziplin, dem Herren-Achter, triumphierten fünf Rostocker Recken vom ASK Vorwärts (Werner Klatt, Hans-Joachim Lück, Ulrich Karnatz, Karl-Heinz Prudöhl, Karl-Heinz Danielowski) zusammen mit vier sächsischen Kollegen und holten dominant Gold. 
Dazu gab es Bronze für Joachim Dreifke im Einer und ein weiteres Gold für Siegfried Brietzke im Vierer ohne.

Noch mehr Rostocker Top-Platzierungen:

Wasserspringen: Christa Köhler sprang sensationell zu Silber im Kunstspringen (Heidi Ramlow wurde Vierte). Falk Hoffmann (Ex-Nachwuchstrainer in Rostock) landete auf den Plätzen 4 und 6. 
​Ringen: Heinz-Helmut Wehling (ASK Vorwärts Rostock) holte Bronze im Leichtgewicht.

Schwimmen & Kanu: Plätze 5 gab es für Lutz Wanja (100m Rücken), Frank Pfütze (Staffel) und Hans-Jürgen Tode im Zweier-Canadier. Marita Koch schaffte es über 400m gesundheitsbedingt „nur“ ins Halbfinale – ihre große Stunde schlug vier Jahre später in Moskau.

Edelmetall für Neubrandenburg, Stralsund & Co.

Kanu-Macht SCN: Der SC Neubrandenburg räumte richtig ab. Rüdiger Helm (1x Gold, 2x Bronze), Bernd Olbricht (1x Gold, 1x Silber) und Carola Zirzow (1x Gold, 1x Bronze) machten den SCN unsterblich.

Auf der Laufbahn: Elfi Zinn (Bronze) und Anita Weiß (Platz 5) glänzten über 800 Meter. Brigitte Rohde stürmte mit der DDR-Staffel über 4x400 Meter zu Gold.

Ringen & Gewichtheben: Silber gab es für Hans-Dieter Brüchert (gebürtig aus Jarmen), während der Stralsunder Helmut Losch Bronze im Superschwergewicht der Gewichtheber holte.

Frauen-Power im Rudern: Monika Kallies (Stralsund) ruderte im Frauen-Achter zu Gold, Petra Wach (heute Physiotherapeutin in Schwerin) holte Silber im Doppelzweier.

Treffsicher: Zwei Goldmedaillen gingen in den damaligen Bezirk Schwerin: Norbert Klaar und Uwe Potteck (beide in Wittenberge geboren) holten Gold mit der Pistole.

Das historische Fazit

Als die Spiele nach 198 Entscheidungen vorbei waren, rieb sich die Sportwelt die Augen: Rechnet man West und Ost zusammen, holten die beiden deutschen Staaten unfassbare 50 Gold-, 37 Silber- und 42 Bronzemedaillen – und lagen damit im inoffiziellen Medaillenspiegel sogar vor der UdSSR und den USA.

In Montreal purzelten 84 Olympia- und 38 Weltrekorde. Dass, wie wir heute wissen, in Ost und West medizinisch nicht immer alles „sauber“ zuging, bleibt ein Teil der Wahrheit. Dennoch: Für die Sportregion Mecklenburg-Vorpommern war Montreal 1976 ein absolutes historisches Highlight!


Marko Michels