Ein halbes Jahrhundert ist es her, seit im kanadischen Montreal die XXI. Olympischen Sommerspiele ausgetragen wurden. Es war die Hoch-Zeit des Kalten Krieges – und der Sport wurde gnadenlos als politisches Werkzeug instrumentalisiert. Montreal markierte den Beginn einer dramatischen Ära von vier aufeinanderfolgenden Boykott-Spielen.

Der Sport als Spielball der Politik

1976 ließen fast alle afrikanischen Staaten ihre Muskeln auf dem Rücken der Athleten spielen und reisten kurzfristig ab. Der Grund: Das neuseeländische Rugby-Team – eine Sportart, die damals nicht einmal olympisch war – hatte zuvor Spiele im südafrikanischen Apartheid-Staat absolviert.

Es war der Auftakt einer traurigen Serie: 1980 folgte der Boykott Moskaus durch den Westblock, 1984 die Revanche des Ostblocks in Los Angeles und 1988 der „kleine Boykott“ in Seoul unter anderem durch Nordkorea, Kuba, Nikaragua und Äthiopien. Der Sport als Spielball der Mächtigen – ein Zustand, der uns heute erschreckend bekannt vorkommt. Die Menschheit lernt eben nicht dazu.

Historischer Erfolg für den Norden

Für die Athleten aus den damaligen Bezirken Schwerin, Rostock und Neubrandenburg wurden die Spiele von 1976 dennoch zu einem Triumphzug. Allen voran schrieben der Ruderer Michael Wolfgramm im DDR-Doppelvierer, Boxer Jochen Bachfeld im Weltergewicht und die Schwimmerin Andrea Pollack Sportgeschichte.

Es macht traurig, dass zwei dieser ganz Großen das heutige Jubiläumsjahr nicht mehr miterleben können: Andrea Pollack verstarb bereits 2019, Jochen Bachfeld im Jahr 2026. Sie hinterlassen eine riesige Lücke.

Zwei Schwerinerinnen erobern das Olympiabecken

Besonders im Schwimmen setzte Schwerin damals globale Ausrufezeichen. Rosemarie Gabriel reiste hochdekoriert nach Kanada – mit insgesamt viermal WM-Gold und zweimal WM-Silber (Belgrad 1973 und Cali 1975) im Gepäck. In Montreal krönte sie ihre beeindruckende Karriere mit der Bronzemedaille über 200 Meter Schmetterling.

Doch der absolute emotionale Höhepunkt gehörte ihrer Schweriner Kollegin Andrea Pollack. Am 19. Juli 1976 flog die damals erst 16-jährige „Polly“ über die Schmetterlingsdistanz zu Gold. Nur 24 Stunden zuvor hatte sie bereits Historisches vollbracht: Gemeinsam mit der 4x100-Meter-Lagenstaffel der DDR (in deren Vorlauf auch Rosemarie Gabriel wertvolle Arbeit geleistet hatte) holte sie das allererste olympische Gold überhaupt für die heutige Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns.

Natürlich lässt sich über den Leistungssport jener Epoche in Ost und West vieles debattieren – auch Kritisches und Dunkles. Doch das soll in diesem Moment nicht das Thema sein. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine großartige Athletin: Andrea Pollack bleibt unvergessen – für ihre Erfolge, ihr natürliches Auftreten abseits des Rampenlichts und ihr starkes Engagement nach der deutschen Einheit.

Eine Freundschaft, die das Becken überdauerte

Wenn man heute auf Montreal zurückblickt, feiert man nicht nur Medaillen, sondern auch eine ganz besondere Verbindung. Rosemarie Gabriel (damals 21 und am Ende ihrer Karriere) und Andrea Pollack (die 16-jährige Senkrechtstarterin) trafen in ihrer Paradedisziplin direkt aufeinander. „Polly“ siegte mit jugendlichem Elan, doch eine Rivalität gab es zwischen den beiden Schwerinerinnen nie.

Gegenseitiger Respekt, harter Ehrgeiz und eine tiefe Freundschaft schweißten sie in der Trainingsgruppe von Rolf Gläser zusammen. Und diese Verbindung hielt auch nach der aktiven Karriere:

  • Gemeinsame Berufung: Rosemarie wurde Physiotherapeutin und betreute Andrea in den folgenden vier Jahren an der Weltspitze.
  • Kolleginnen an der Basis: Später ergriff auch Andrea diesen Beruf. Bis 1989 arbeiteten beide Seite an Seite als Physiotherapeutinnen, um den Schwimmnachwuchs mit Herzblut und Erfahrung zu formen.
  • Lebenslange Treue: Nach der Wende trennten sich die beruflichen Wege – Rosemarie führte eine eigene Praxis, Andrea blieb dem Sport verbunden –, doch der Kontakt riss nie ab.

50 Jahre sind vergangen. Dass „Polly“ diesen Meilenstein nicht mehr miterleben kann, schmerzt tief. Doch in den Gedanken, den Erinnerungen und den Herzen der Sportwelt behält sie für immer ihren festen Platz.

Ein besonderer Dank gilt Rosemarie Gabriel für die wertvollen persönlichen Erinnerungen und die Mitarbeit an diesem Beitrag.

Text / Foto: Marko Michels

Siehe zu Montreal 1976 auch 

https://www.stadtsportbund-schwerin.de/neuigkeiten/detail/sportgeschichte-olympia-historie-montreal-76