Über den dreifachen Bob-Olympiasieger 1976/80, Meinhard Nehmer von der Insel Rügen, wurde einst gesagt „Der Nehmer, der fährt wie auf Schienen!“. Der herausragende Bob-Athlet fand immer die beste Linie, den besten, schnellsten Weg zum Ziel. Ähnliches lässt sich fast fünfzig Jahre später – glücklicherweise dürfen sich die Frauen seit 2002 olympisch im Bob beweisen – über Laura Nolte sagen, die auch nicht unbedingt aus einer Hochburg des Wintersportes, aus Nordrhein-Westfalen, stammt, aber mit Winterberg ja ein traditionsreiches Schlittensport-Zentrum „vor der Haustür“ hat.

2022, bei Winter-Olympia in Peking, wurde Laura Olympiasiegerin im Zweier-Bob, zusammen mit Deborah Levi. Davor und danach sammelte Laura jedoch bereits bzw. immer noch Edelmetall ohne Ende. Bereits 2016 wurde sie Jugend-Olympiasiegerin in Lillehammer im Mono-Bob. Gold (2021 im Zweier) und Silber (2018 im Zweier) gab es für Laura bei Junioren-WM. Im Elite-Bereich schaffte sie bei WM zwischen 2020 und 2025 siebenmal Edelmetall, darunter dreimal Gold. Die EM-Bilanz zwischen 2021 und 2025 ist ebenfalls mit einem „Wow“-Effekt verbunden – neun Medaillen, darunter sechsmal Gold. Und 2023, 2024 und 2025 den Gesamt-Weltcup im Zweier, dazu 2024 und 2025 den Gesamt-Weltcup in der Kombination aus Zweier- und Mono-Bob.

Mehr geht fast nicht und nun könnte Cortina ein weiterer sportlicher Meilenstein für das begnadete Bobsport-Ass Laura Nolte werden, die in einer Sportart erfolgreich ist, in der auch Athletinnen und Athleten aus M-V bei Olympia, WM und EM Erfolgsgeschichten schrieben, wie der bereits erwähnte Rügener Meinhard Nehmer, der Neubrandenburger Ulf Hielscher, der Wahl-Schweriner Torsten Voss, der Stralsunder Carsten Embach, die Wahl-Neubrandenburgerin Petra Lammert oder der Anklamer Marko Hübenbecker.

Laura Nolte, Jahrgang 1998, BSC Winterberg, über ihre Vorbereitung auf die Olympischen Winterspiele 2026, die Zeit bis Cortina/Mailand, das Sommer-Training, olympische Ziele und ihr Leben ohne Schlitten

„Zwei olympische Medaillen sollten es schon sein...“

Frage: Laura, die Olympia-Uhr tickt tatsächlich. Noch rund sechs Monate bis Winter-Olympia. Wie ist Ihr derzeitiges Feeling? Wie verlief das Sommer-Training?

Laura Nolte: Ja, die Uhr tickt tatsächlich unaufhörlich. Olympia „klopft“ faktisch schon „an die Tür“, auch wenn bis dahin – Stand Anfang September 2025 – noch fast sechs Monate Zeit sind! Es stehen gegenwärtig bereits die ersten Tests an, wir gehen bald aufs Eis. Cortina „nähert“ sich ständig und schneller, als man denkt, ist es soweit. Der Sommer verlief indes für uns, also für Debbie (Deborah Levi) und mich, sehr, sehr gut. Wir waren nach der Wintersport-Saison 2024/25 im Urlaub auf Malaysia, auf Langkawi, und anschließend ging es gleich nach Kuala Lumpur ins Trainingslager – also vom Relaxen gleich ins Schwitzen. Die Leichtathletinnen und Leichtathleten des DLV hatten dort ihr Pre-Camp vor den Staffel-WM Mitte Mai in Guangzhou. Wir schlossen uns dem Leichtathletik-Team an, denn unser Trainer David Correl ist ja zugleich Sprint-Bundestrainer beim Deutschen Leichtathletik-Verband. Es e also bestens und war ziemlich cool. In einem optimalen Umfeld konnten wir unser Sommer-Training auf die neue Saison beginnen, viel Motivation mitnehmen. Ein paar „Wehwehchen“ gab es natürlich auch. Ich hatte Knieprobleme, die aber – dank der super medizinischen Betreuung durch die Physiotherapeuten und Ärzte in Frankfurt/Main – schon wieder Geschichte sind. Zusammenfassend kann ich sagen: Wir haben den Sommer gut genutzt, hart gearbeitet und sind guter olympischer Dinge

Frage: Um die Olympia-Bob-Bahn gab es ein großes Hin und Her. Sogar außerhalb Italiens sollten die Bob-, Rennrodel- und Skeleton-Wettkämpfe stattfinden. Jetzt scheint aber alles klar zu sein, eine neue mega-teure Bahn wurde gebaut. Ist diese aus Ihrer Sicht olympia-kompatibel? Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?

Laura Nolte: Ich war noch nicht auf der Bahn. Allerdings freue ich mich riesig, dass es mit der Bahn noch klappte. Es gab ja heftige Diskussionen darüber, ob diese überhaupt noch gebaut bzw. ob diese überhaupt fertig wird. Jetzt ist sie startklar, auch wenn die Summen dafür sehr hoch waren, zweifellos zu hoch... Es ist aber gut, dass die Schlitten-Sportlerinnen und Sportler direkt am Olympia-Ort starten können, denn wäre – wie das IOC beabsichtigt hatte – ohne Bahn in Cortina tatsächlich das amerikanische Lake Placid der Ausweichort für die olympischen Schlitten-Wettbewerbe geworden, dann hätte es für die Bob-, Rennrodel- und Skeleton-Teams kein „reales“ Winter-Olympia gegeben. Der Austausch mit anderen Sportarten, mit der gesamten olympischen (Sport-)Familie und mit der Kultur des eigentlichen Austragungsortes der Winterspiele 2026 hätte einfach gefehlt. Schön, dass die Bahn steht!

Frage: Wie sieht Ihr Weg nach Cortina 2026 aus? Welche wichtigen Etappen gilt es bis dahin zu meistern?

Laura Nolte: Erst einmal ist es das Wichtigste, dass wir verletzungsfrei durch die Saison kommen. Dann sind die sieben Weltcups zwischen Mitte November 2025 und Mitte Januar 2026 ganz wichtige Zwischenschritte auf dem Weg zu Olympia, wobei Mitte November Cortina die erste Weltcup-Station sein wird. Die Gesamt-Platzierung im Weltcup ist dabei wichtig für die Startplätze bei Olympia, daher wollen wir natürlich auch im Weltcup mit vorn sein. Zudem möchten wir in diesen Monaten nicht zuletzt unser Material testen.

Frage: Ihre Ziele dürften wohl klar sein und Doppel-Gold heißen – oder? Oder sind Sie da etwas bescheidener? ;)

Laura Nolte: Doppel-Gold?! Das ist erst einmal ein wunderschöner Traum, der zwar da ist, aber nicht ausgesprochen wird! Die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht und es gibt international inzwischen sehr viele Anschieberinnen, die zu Pilotinnen umschulten. Eine von vielen ist zum Beispiel die Amerikanerin Kaysha Love, die bei dem WM 2025 in Lake Placid vor mir Weltmeisterin wurde. Klar habe ich im Mono-Bob mit Winter-Olympia noch eine Rechnung offen, nachdem ich 2022 in Peking Vierte wurde und eine Medaille knapp verpasste. Aber ich gehe pragmatisch und realistisch an die Sache… Gold im Zweier wäre klasse und dazu noch eine Medaille im Mono-Bereich. Es sind viele Unwägbarkeiten gerade im Hinblick auf die Wettkämpfe in Cortina – die Bahn ist neu, mir noch ziemlich unbekannt und man weiß daher nicht, wie anspruchsvoll diese sein wird. Vieles ist möglich, nichts ist unmöglich!

Frage: Deutschland fährt mit den verschiedenen Schlitten (Bob, Skeleton, Rennrodeln) der Welt davon… Ist es nicht „langweilig“, wenn die stärkste Konkurrenz – nicht immer, aber meistens – aus dem eigenen Land kommt? Und: Warum ist Deutschland aus Ihrer Sicht im Schlittensport so gut?

Laura Nolte: Bei den Frauen, insbesondere im Mono-Bereich, ist es nicht so klar, wie bei den Männern im Zweier oder im Vierer. Die Wettkämpfe sind sehr offen bei uns Frauen. Denn: Im Mono-Bereich fährt jede Nation den gleichen Schlitten. Es gibt da nicht die vermeintlichen Materialvorteile, wie im Zweier- oder Vierer-Bereich. Wir fahren im Mono-Bob also nicht mit den Bobschlitten des FES (des Institutes für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten in Berlin). Allerdings: Auch ohne die FES-Schlitten sind wir deutschen Frauen bei den internationalen Wettkämpfen meist vorn oder zumindest vorn mit dabei. Also, am Material allein kann es nicht liegen. Es gehören mehrere Portionen Können dazu, das sollte man nicht übersehen. Zweifellos haben wir in Deutschland eine sehr gute Nachwuchsarbeit und ein schier unausschöpfliches Reservoir an ausgezeichneten Anschieberinnen. Das haben viele andere Nationen so nicht. Unsere Anschieberinnen sind wirklich einsame Weltklasse, dank ihnen haben die deutschen Schlitten meistens die besten Startzeiten. Und auch die Pilotinnen und Fahrerinnen werden bei uns intensiv und bestens ausgebildet. Der Schlittensport hat in Deutschland seit Jahrzehnten eine große Tradition, die immer weiter lebt!

Letzte Frage: Immer nur Bobfahren geht ja nicht. Wie sieht Ihr Leben ohne Eisbahn, Bobschlitten und Pudelmütze aus?

Laura Nolte: Noch vor der olympischen Saison, im letzten Jahr 2024, konnte ich mein Studium der Wirtschaftspsychologie mit dem Bachelor abschließen und werde meinen Master erst nach der Olympia-Saison 2026 machen. Das war und ist auch notwendig, denn gerade in den olympischen Saisons gibt es sehr viele Presseanfragen, Sponsorentermine und Video-Drehs. Bereits das Sommer-Training beansprucht uns Bob-Athletinnen und -Athleten sehr, da würde nicht viel Zeit zum Studieren bleiben. - Ansonsten komme ich auch ohne Pudelmütze, Schlitten und Schnee bestens durchs Leben… Ich bin ein großer Kaffee-Fan und genieße die Kaffee-Zeit! In der wettkampffreien Zeit machen Debbie und ich auch „ruhige“ künstlerische Dinge, widmen uns der Malerei und Töpferei. Auch Spiele-Abende stehen auf unserer To Do-Liste… Nicht zuletzt mag ich gesellige Abende mit Freunden sowie der Familie und spaziere gern am Main.

Vielen Dank und maximale Erfolge weiterhin!

Die Fragen stellte Marko Michels. Vielen Dank auch an Lena Sauren, Team Kommunikation beim Bob- und Schlittenverband für Deutschland, für die Unterstützung!