Die „World University Games“ 2025, die Weltspiele im Studentensport, sind längst wieder Historie. Eine der Kernsportarten war natürlich die Leichtathletik. So standen 51 Entscheidungen auf dem „WUG“-Programm, die im Lohrheide-Stadion in Bochum zwischen dem 21.Juli 2025 und dem 27.Juli 2025 stattfanden. An diesen Wettkämpfen nahmen immerhin mehr als 1400 Athletinnen und Athleten aus 86 Ländern teil, wobei sich Japan bzw. China mit jeweils elf Plaketten das meiste Edelmetall sicherten. Die eifrigsten Goldmedaillen-Sammler kamen bei den „WUG“ 2025 indes aus Japan bzw. Australien (jeweils fünf) und aus China, Südafrika sowie Italien (jeweils vier). Das deutsche Leichtathletik-Team konnte in Bochum über zweimal Gold, dreimal Silber und viermal Bronze jubeln. Gold holten dabei die 4 x 400 Meter-Staffel der Sportstudentinnen (Vivienne Morgenstern, Mona Mayer, Sabrina Heil und Yasmin Amaadacho) und Diskuswerfer Mika Sosna (vor seinem Team-Kollegen Steven Richter. Eine sehr, sehr gute Bilanz für das deutsche Leichtathletik-Team bei den „WUG“ 2025!

Eine frühere Erfolgsathletin bzw. Speerwerferin aus M-V, Steffi Nerius, 1972 auf Rügen (Bergen) geboren und unter anderem von 1985 bis 1991 Sportlerin beim SC Empor Rostock, war ebenfalls schon bei Universiaden, wie die Weltspiele im Studentensport einst hießen, am Start: 1997 in Catania belegte Steffi Rang fünf und 1999 auf Mallorca Rang vier. Vor diesen Starts war die Rüganerin auch erfolgreich. Sie war viermal Teilnehmerin bei Olympischen Spielen, 1996 in Atlanta Rang neun, 2000 in Sydney Rang vier, 2004 in Athen Silber und 2008 in Peking Rang vier, Weltmeisterin 2009 sowie dreimal WM-Bronze 2003, 2005 sowie 2007 und EM-Gold 2006 nebst EM-Silber 2002. Im Jahr 2009 beendete Steffi ihre Karriere als Sportlerin und wurde „Vollzeit-Trainerin“, nachdem sie bereits seit 2002 halbtags – parallel zur eigenen leistungssportlichen Karriere – als Trainerin tätig war.

Nachgefragt bei Steffi Nerius

Steffi Nerius über die „World University Games“ 2025, die Spiele in Paris 2024, ihre Erfolge als Sportlerin bzw. Trainerin und Bindungen zu M-V

„Berlin 2009 war der absolute Höhepunkt...“

Frage: Gerade fanden die "World University Games", die Weltspiele im Studentensport, in Deutschland statt. Die Rostockerin Julia Ulbricht wurde im Speerwerfen Fünfte, Sie selbst waren zweimal bei den Universiade, wie die Studenten-Weltsportspiele einst hießen... Welche Erinnerungen verbinden Sie mit diesen? Wie beurteilen Sie die Leistung der Rostockerin Julia Ulbricht?

Steffi Nerius:Die „World University Games“ sind schon eine wichtige Plattform für junge Athletinnen und Athleten, um sich im Elite-Bereich beweisen zu können. Zwar sind die Weltspiele im Studentensport – nach den Olympischen und Paralympischen Spielen, wenn man beides als Einheit betrachtet – die zweitgrösste Multisportveranstaltung der Welt, aber es sind letztendlich auch nur die Sportlerinnen/Sportler dabei, die neben ihrer sportlichen Karriere auch studieren – und nicht alle Weltklasse-Sportler machen das heute unbedingt! Insofern ist das Niveau auch nicht mehr so hoch, wie vielleicht noch vor zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren. Der Universiade-Rekord von 2011 im Speerwerfen (Frauen) liegt fast 11 Meter über der Siegerinnen-Weite von Bochum 2025. Überhaupt sind die meisten europäischen Speerwerferinnen, das betrifft nicht nur die Weltspiele im Studentensport, nicht mehr das „Maß aller Dinge“. So waren von den zwölf Finalteilnehmerinnen sieben aus „Übersee“ und nur noch fünf aus Europa. Zwar gewann die Türkin Esra Türkmen mit ihrem letzten Wurf, aber danach folgten USA, Südafrika und Japan… Die Rostockerin Julia Ulbricht blieb zwar fast fünf Meter unter ihrer Bestleistung, sie ist ohnehin noch etwas unbeständig, aber ihre Leistung war okay. Würfe zwischen 55 und 57 Meter sind für sie immer drin. Das bestätigte sie in Bochum. Freilich hätte man ihr noch mehr gegönnt, möglichst in den Bereich ihrer Bestleistung zu kommen.. Dann wäre mehr drin gewesen. Dennoch kann sie den Härtetest „WUG“ für sich als bestanden deklarieren.

Für mich persönlich waren die Universiaden 1997 und 1999 schöne Erlebnisse. Ich bewertete den Stellenwert dieser Spiele nicht zu hoch, nahm sie mit, auch um weiter international Erfahrungen zu sammeln. Die ganze Atmosphäre, auch Organisation, hatte ein studentisches Feeling – nicht so professionell wie bei Olympia oder WM, aber sehr sympathisch und authentisch!

Frage: Ein Jahr nach den Olympics und Paralympics in Paris... Wie lautet Ihr Resümee zu den Spielen in Paris allgemein? Sie waren ja als Trainerin des Para-Weitspringers Markus Rehm…

Steffi Nerius: Die Eröffnungszeremonie empfand ich als sehr interessant und spannend. Es war einmal etwas ganz anderes, Paris präsentierte sich von der besten Seite. Die Stimmung im Stadion, in der Leichtathletik, war allerdings weniger gut – das war zum Beispiel bei den Olympischen und Paralympischen Spielen in London 2012 ungleich besser. Es lag wohl auch am Stadionsprecher, der die echte Stimmung nicht wirklich rüber brachte. Die Atmosphäre im Stadion konnte nicht an den Enthusiasmus früherer Spiele anknüpfen. Aus sportlicher Sicht lief bei den Spielen in Paris aus deutscher Sicht vieles nicht zusammen. Die Bilanz, ob bei Olympia und auch bei den Paralympics, war nicht so, wie erhofft. Aber konnte man wirklich mehr erwarten? Die Entwicklung verlief in den letzten 30 Jahren, verstärkt seit 2012, kontinuierlich negativ. Das ist schade. Mitunter habe ich den Eindruck: Zwar stimmen die Rahmenbedingungen, aber das Trainingspensum nicht. Besserung scheint kurzfristig nicht in Sicht zu sein. Zwar gibt es Ausreißer nach oben, wie auch Paris 2024 zeigte – ich denke dabei an die Reitsportler, Kanu-Rennsport-Asse, 3 x 3 Basketballerinnen, an die Sportgymnastin Darja Varfolomeev oder den Schwimmer Lukas Märtens, aber es sind zu wenige, die über sich hinauswachsen.

Zufrieden war und bin ich jedoch mit meinem Schützling Markus Rehm, der seit 2012 fünfmal paralympisches Gold erkämpfen konnte. Zudem bedeutete ihm es sehr sehr viel, dass er die deutsche Fahne bei der Eröffnungsfeier 2016 in Rio de Janeiro und die paralympische Fackel in Paris 2024  tragen durfte! Und ich war natürlich auch stolz auf ihn! 

Frage: Sie selbst waren sehr, sehr erfolgreich. Welches sind aus Ihrer Sicht die schönsten - ganz subjektiv betrachtet?!

Steffi Nerius: Das WM-Gold in Berlin 2009 zum Abschluss meiner sportlichen Karriere war der absolute Höhepunkt – fast schon „hollywood-reif“! Aber auch das Olympia-Silber 2004 und das EM-Gold 2006 bedeuteten mir ungemein viel. Von meinen vier Olympiastarts – ungeachtet der Platzierungen – gefiel es mir übrigens 2000 in Sydney am besten.

Frage: Wie sieht Ihr Leben derzeit aus - persönlich, beruflich, hobbymäßig? Haben Sie noch regen Kontakt zur alten Heimat Rügen?

Steffi Nerius: Ich bin derzeit Leiterin des Sportinternates in Leverkusen und werde nur noch in diesem Jahr als Trainerin arbeiten. Dazu bin ich noch ehrenamtlich aktiv, so unter anderem im Gutachterausschuss der Stiftung Deutsche Sporthilfe und im Vorstand der Sportstiftung NRW. - Kontakt zur alten Heimat habe ich selbstverständlich! Meine Eltern wohnen ja in Sassnitz und dort bin ich ein- bis zweimal jährlich!

Letzte Frage: Sie begannen Anfang der 1980er Jahre ihre sportliche Karriere als Volleyballerin, wurden mit Dynamo Sassnitz (Rügen) sogar DDR-Schülermeisterin. Haben Sie noch Bindungen zum Volleyballsport? Verfolgen Sie zudem das aktuelle Volleyball-Geschehen? Immerhin wurden die Frauen vom SSC Palmberg Schwerin 2025 wieder deutsche Meisterinnen…

Steffi Nerius:Ich war ein Vierteljahrhundert Einzelsportlerin, danach Trainerin von Einzel-Sportlern. Da ist man schon mehr Einzelkämpfer, schaut auf sich, auf seine Schützlinge. Dennoch habe ich meinen volleyballsportlichen Blick nicht verloren. Meine Mutter als auch mein Vater waren ja Volleyball-Trainer. Unter ihrer Ägide entwickelten sich in Sassnitz zahlreiche Volleyball-Talente zu klasse Spielerinnen, wie zum Beispiel Ariane Radfan, 1983 bzw. 1987 Europameisterin mit der DDR, 1988 Olympia-Fünfte und 1986 WM-Vierte, und Ines Pianka, Vize-Europameisterin 1989 mit der DDR und 1996 Olympia-Achte. Meine Eltern verfolgen nach wie vor intensiv das nationale und internationale Volleyball-Geschehen. Und ich verfolge – wenngleich weniger intensiv – auch die Resultate der Bundesliga, im DVV-Pokal oder im Europapokal. Selbstverständlich freue ich mich auch, dass der SSC Palmberg Schwerin 2025 wieder Deutscher Meister wurde!

Vielen Dank und weiterhin alles erdenklich Gute!

Zur Info: Eine Speerwerferin und ein Speerwerfer vom SC Traktor Schwerin bzw. Schweriner SC waren auch bei früheren Universiaden sehr erfolgreich. Gerald Weiß, der spätere Siebente der Wettkämpfe der Freundschaft von 1984 und Olympia-Sechste von 1988 in Seoul, schaffte Silber bei der Universiade 1981 in Bukarest hinter dem Olympiasieger von 1980, den Letten Dainis Kula (auch Universiade-Gold 1983), und vor dem Olympia-Vierten von 1980, den Esten Heino Puuste, dem Universiade-Sieger von 1979 Helmut Schreiber (Heidenheimer SB/USC Heidelberg) und Wolfram Gambke (LG Wedel-Pinneberg), dem späteren Olympia-Vierten von 1984. Tanja Damaske wurde hingegen bei der Universiade 1993 in Buffalo Zweite - hinter der Koreanerin Lee Young-sun und vor der Kanadierin Valerie Tulloch, Evi-Jeanette Völker (LAC Quelle Fürth) und Zhang Guihua (China).

Marko Michels