Er ist ein wahrlich meisterlicher Ruderer. Seit seinem vierzehnten Lebensjahr, seit 1996, widmet er sich dem Rudersport. Seit fast 30 Jahren – und das auf höchstem Niveau in unterschiedlichen Bootsklassen.

Und erfolgreich ist er zudem, nahm an den Paralympischen Spielen 2008 in Peking und 2021 in Tokyo teil, erkämpfte bei WM einmal Gold (2007), zweimal Silber (2003, 2013) bzw. einmal Bronze (2009) und schaffte bei den EM 2020, 2021 und 2023 jeweils Einer-Bronze.

Die Rede ist von Marcus Klemp, Jahrgang 1982, der für den Ribnitzer Sportverein von 1919 zwischen 1996 und 2021 und für die Offenbacher Rudergesellschaft Undine zwischen 2021 und 2022 startete. Seit 2022 ist Marcus, dessen Beweglichkeit durch eine Cerebralparese eingeschränkt ist, Mitglied des Olympischen Ruderclubs Rostock von 1956.

Bei den Paralympics 2024 liebäugelt der ambitionierte Ruderer schon mit einer Medaille, wenngleich die Konkurrenz sehr stark sein wird. Eine paralympische Medaille hätte sich der gebürtige Rostocker längst verdient, ist er doch seit 2002 regelmäßig Mitglied der deutschen Nationalmannschaft im Para-Rudern.

Eine Medaille verpasste er dabei bei der paralympischen Premiere des Ruderns knapp – die deutsche Mixed-Vierer mit wurde in Peking 2008 Vierter. 2012 in London folgte dann die bislang einzige paralympische Medaille für Team D in der Historie des Para-Rudersportes. Im Mixed-Vierer mit – leider ohne Marcus, der seinen zweiten Paralympics-Einsatz dann 2021 in Tokyo hatte und Platz acht im Einer erreichte.

Aber der noch 41-jährige (geboren am 14.Juni 1982) dachte stets auch an die berufliche Laufbahn neben und nach dem Rudern. Marcus ist mittlerweile ausgebildeter Bürokaufmann und arbeitet seit 2021 in der Bundeswehrverwaltung.

Marcus Klemp über seinen Weg zum Rudersport, bedeutende Erfolge, seine Ambitionen für Paris und über seine beruflichen Herausforderungen

Hoffe auf einen besonders guten Tag in Paris...“

Frage: Marcus, wie gelangtest Du zum Rudersport. Wann wusstest Du: Das ist MEIN Sport?!

Marcus: Vielen Dank für den kurzen Abriss meiner Ruder-Geschichte. Wie eingangs erwähnt, geht die Frage ins Jahr 1996 zurück. Ich wurde damals von meinem ersten Trainer im Ribnitzer SV, Herrn Müller, beim Angeln angesprochen.

Zunächst einmal habe ich in der ersten Zeit einiges an Körpergewicht verloren, die ersten Sportfreunde kennengelernt und bezüglich meiner Mobilität konnte ich mein Wohlbefinden durch das Rudern deutlich steigern. Da war recht schnell klar, dass ich dabei bleiben wollte.

Den Wettkampfsport habe ich erst etwa ab dem Jahr 2000 mit den ersten Teilnahmen an Landesmeisterschaften in M-V oder Deutschen Meisterschaften im Handicap-Rudern für mich entdeckt.

Im Jahr 2001 sollte es dann im Vierer auf die erste WM nach Luzern gehen, damals waren die Schweizer allerdings nicht auf Sportler mit Behinderung vorbereitet. Ein Jahr später ging es dann in Sevilla, begleitet durch Trainer Helmut Rinas vom RSV, endlich richtig los. 

Frage: Du warst regelmäßig Mitglied der Para-Ruder-Nationalmannschaft: Für Dich persönlich: Was waren bis dato Deine schönsten Erfolge? Welche Ruder-Regatta, bei WM, EM oder Paralympics, blieb Dir ganz besonders nachhaltig in Erinnerung?

Marcus: Bei einer so langen Zeit gibt es rückblickend viele Erfolge und schöne Momente, aber auch ein paar Enttäuschungen. Besonders positiv möchte ich den Gewinn der Goldmedaille bei den WM 2007 in München im Vierer mit Steuermann hervorheben, da es sich eben um eine Heim-WM und eine absolut tolle Team-Erfahrung handelte. Ein für mich unvergessliches Erlebnis.

Weiterhin möchte ich bei der Frage auf meine Teilnahme an den Paralympics 2020 (2021) in Tokyo eingehen. Diese Geschichte beginnt mit einem Misserfolg, nämlich meinem Scheitern bei dem Versuch, den PR2 Mixed Doppelzweier im Jahr 2019 im Rahmen der WM in Linz für Deutschland und die Paralympics in Tokyo zu qualifizieren. Danach gab es zwei Optionen für mich, entweder das Ende im Leistungssport Rudern, dazu war ich jedoch nicht bereit, oder etwas Neues. Unterstützt durch den damaligen Bundestrainer Para-Rudern, Jochen Weber, und dessen Team ging ich das Projekt „Paralympischer Männer-Einer“ an.

Mein deutscher Vorgänger Johannes Schmidt hatte gerade seine sportliche Karriere beendet. Ich musste dann im Februar 2020 für den Einer klassifiziert werden, was für mich eine starke Anspannung bedeutete, die Einordnung in die Klasse PR1 gelang jedoch.

Im Rahmen der finalen paralympischen Qualifikationsregatta nach der Corona-Pause im Mai 2021 in Varese wurde schließlich nur noch ein einziger Startplatz für Tokyo ausgefahren. Bei dieser Regatta konnte ich glücklich siegen. Diese Vorbereitung der Paralympics insgesamt, nicht zuletzt während meiner Ausbildung bei der Bundeswehr, betrachte ich als meine bisher größte gemeisterte sportliche Aufgabe.

Frage: Wie sieht/sah Dein Weg zu den Paralympics 2024 aus?

Marcus: Verglichen mit Tokyo lief die Qualifikation für Paris spannend, aber „glatt“, direkt mit Platz vier bei den WM in Belgrad 2023. Im Moment bin ich allerdings noch überwiegend im Dienst bei der Marine in Warnemünde, aber spätestens ab Ende Februar wird der Fokus dann wieder auf das Rudern und die aktuelle Saison mit dem Höhepunkt in Paris gelegt. Außerdem freue ich mich auf die EM in Ungarn als Saisonstart und die Weltcup-Serie. Der Rotsee in Luzern wird wie schon 2023 wieder dabei sein.

Frage: Du bist schon so lange beim Rudersport dabei. Aus Deiner Sicht: Was waren für Dich die gravierendsten Veränderungen im Para-Rudersport in den letzten 25 Jahren?

Marcus: Wie der gesamte paralympische Sport, so hat auch der Rudersport in den letzten Jahren deutlich mehr Anerkennung und Zuspruch sowie gesellschaftliche und mediale Aufmerksamkeit erhalten. Diese Entwicklung finde ich nur richtig und im Sinne aller SportlerInnen, die täglich ihr Bestes geben und so viele Entbehrungen in Kauf nehmen. Was das betrifft, so gab es in meinen frühen Jahren im Sport schon ein paar Szenen, die man lieber vergessen möchte.

Organisatorisch war die deutsche Nationalmannschaft Para-Rudern immer ein Teil der „großen“ Nationalmannschaft, also zusammen mit den olympischen und nichtolympischen Leistungskadern. Was die Inklusion angeht, waren wir also vielen anderen Sportarten lange einen Schritt voraus, weshalb ich mich im Rudern immer sehr wohl gefühlt habe. Schließlich trainierte und trainiere ich zumeist mit „gesunden“ SportlerInnen im Verein gemeinsam.

Material-technisch haben wir den gleichen Fortschritt erlebt wie in anderen Bootsklassen auch, im Großen und Ganzen kann man sagen, die Materialien werden immer leichter, fester und natürlich teurer. Darüber hinaus gibt es ein paar individuelle Teile, die wir selbst bauen oder zum Beispiel bei der FES (Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten in Berlin) anfertigen lassen können.

Frage: Welche Ziele hast Du für Paris? Wer sind die ärgsten Mitstreiter?

Marcus: Die schnellsten Jungs im Para-Männer-Einer sind wie ich auch im Rahmen der letztjährigen WM für Paris qualifiziert. Dabei geht es also um die komplette Weltspitze in dem Bereich. Ich hoffe, dass ich in diesem Jahr vielleicht noch einen kleinen Schritt näher an die Medaillenränge machen kann und dann vielleicht in Paris einen besonders guten Tag habe.

Letzte Frage: Wie läuft es beruflich? 

Marcus: Seit März 2021 bin ich bei der Bundeswehr. Nach einer Laufbahnausbildung in Berlin und Hammelburg bin ich jetzt seit einem knappen Jahr wieder in der Heimat. Ich wohne in Ribnitz-Damgarten und arbeite in der Beschaffung der Marine in Rostock Hohe Düne. Ich fühle mich dort wohl und bin insbesondere für die mir zur Verfügung gestellten Freistellungen für den Sport sehr dankbar.

Vielen Dank und maximale Erfolge für Paris!

Die Fragen stellte Marko Michels.