Zwischen 1964 und 2000 gab es für Wasserspringerinnen und Wasserspringer aus Rostock regelmäßig gute Platzierungen und sogar Medaillen bei Olympischen Spielen. Namen wie Ingrid Engel-Krämer, Christa Köhler, Martina Proeber, Annika Walter oder Dörte Lindner stehen für die olympische Erfolgsgeschichte des Rostocker Wasserspringens. Und ein späterer Wahl-Rostocker und gebürtiger Chemnitzer, der Wassersprung-Olympiasieger 1980 Falk Hoffmann, arbeitete als Trainer am Olympiastützpunkt in Rostock.
Doch das ist alles Historie! Eine Zwanzigjährige möchte die glorreichen Zeiten des Rostocker Wasserspringens wieder aufpolieren! Jette Müller hat die Spiele in Paris im Sportsommer 2024 fest im Blick. Und hofft natürlich auf maximale Erfolge, wobei sie durchaus von einer Medaille nicht nur träumen darf. Was sie kann, bewies Jette bei den Junioren-Weltmeisterschaften vom Ein-Meter-Brett und vom Drei-Meter-Brett 2021 in Kiews. Denkwürdige Wettkämpfe für die seinerzeit Achtzehnjährige, die von Trainer Michail Sachiashvili auch einen Ausnahme-Trainer an ihrer Seite hat.
Nachgefragt bei Jette
Jette über die WM in Doha, kommende Herausforderungen, ihr tägliches Training und ihre olympischen Ziele
„Bin optimistisch gestimmt!“
Frage: Herzlichen Glückwunsch zur Olympia-Quotenplatz bei den WM in Doha Mitte Februar. Wie verlief der Wettkampf mit Lena Hentschel (Synchronspringen vom Drei-Meter-Brett)? Zuvor gab es ja schon Rang vier vom Ein-Meter-Brett...
Jette Müller: Der Wettkampf vom Ein-Meter-Brett war für mich vor allem eine Konkurrenz, um in die WM in Doha reinzukommen sowie eine gewisse Sicherheit beim Springen zu gewinnen, um dann mein Leistungsniveau im Wettkampf im Synchronschwimmen mit Lena optimal abrufen zu können. Vorher hatte ich auch keine spezielles Training vom Ein-Meter-Brett absolviert, weil der Fokus dem Synchronspringen galt, das ja letztendlich im Gegensatz zum Wettkampf vom Ein-Meter-Brett olympisch ist. Es lief dann aber sehr gut und ich hatte mich zunächst doch etwas geärgert, dass ich Bronze so knapp verpasste. Die erste Enttäuschung verflog aber sehr schnell, wollten wir doch insbesondere im Synchronspringen überzeugen – was dann mit Rang sechs gelang! Lena und ich waren sehr zufrieden, konnten wir doch beweisen, dass wir schon eine gewisse Routine haben und ein eingespieltes Team sind. Wir haben uns wirklich riesig gefreut, dass wir den olympischen Quotenplatz im Synchronspringen vom Drei-Meter-Brett für Deutschland erkämpfen konnten.
Frage: Sie feierten bereits einige Erfolge in Ihrer noch jungen Wassersprung-Karriere… Was waren für Sie persönlich die bis dato schönsten?
Jette Müller: Die beiden Weltmeistertitel bei den Junioren-WM in Kiew sind schon nach wie vor etwas ganz Besonderes. Es waren damals tolle Wettkämpfe, an die ich mich immer wieder gern zurückerinnere. Aber aktuell, die WM bei den ganz Großen, ist wiederum noch einmal etwas ganz anderes. Dort vorn mitzuspringen, ist schon eine große Herausforderung. Dass sowohl Lena und ich so optimal harmonierten, war/ist einfach klasse. Insofern wird Doha auch stets in sehr positiver Erinnerung für mich bleiben.
Frage: Wie gelangten Sie eigentlich zum Wasserspringen? Wann wussten Sie – Wasserspringen ist MEINE Sportart?
Jette Müller: Mein Bruder war bereits als Schwimmer in der Rostocker Neptunschwimmhalle aktiv. Außerdem war die Tochter von Bekannten beim WSC aktiv. Ich schaute dann in der Neptunschwimmhalle vorbei und fand vor allem das Wasserspringen cool. Beim WSC erlernte ich dann zunächst das Schwimmen und dann „warben“ sie mich auch zum Wasserspringen „ab“. Und es ist nach wie vor „meine“ Sportart!
Frage: Wie sieht eigentlich Ihr Trainingsalltag aus?
Jette Müller: Ich habe schon ein intensives Pensum zu absolvieren. So trainiere ich – bis auf mittwochs – zweimal am Tag: vormittags 90 Minuten bis drei Stunden und nachmittags drei Stunden. Sonntags ist dann trainingsfrei. Während insbesondere das „Wassertraining“ im Vordergrund steht, ist zweimal wöchentlich auch Kraftsport angesagt.
Frage: Bis Paris sind es jetzt (Mitte Februar) noch rund fünf Monate. Welche Stationen gilt es, bis dahin zu meistern?
Jette Müller: Es gibt noch einige Bewährungsproben. Ende Februar werden die Deutschen Hallen-Meisterschaften in Halle ausgetragen. Im Anschluss daran steht Ende Februar/ Anfang März der Weltcup in Montreal auf der Agenda. Dann folgen die weiteren Weltcupstationen Berlin (Ende März) und Xian (China) Ende April. Wichtig sind dann aber die Deutschen Meisterschaften Mitte Mai in Berlin. Lena und ich erkämpften in Doha zwar den Quotenplatz für Deutschland im Synchronspringen der Frauen vom Drei-Meter-Brett, aber welches Duo nach Paris fährt, entscheidet sich in Berlin. Ich denke aber, sowohl Lena als auch ich können selbstbewusst nach Berlin fahren. Wir sind jedenfalls optimistisch gestimmt. Wichtig ist nur, dass wir locker bleiben und nicht zu vorsichtig agieren. Ist man zu verkrampft, zu vorsichtig, schleichen sich eher Fehler ein, als wenn man locker ist und cool bleibt!
Frage: Welche sportlichen Ziele haben Sie für Paris und was erhoffen Sie sich auch generell von Paris?
Jette Müller: Erst einmal alles Schritt für Schritt. Wichtig ist erst einmal die persönliche Qualifikation für Paris. Ist diese dann tatsächlich geschafft, freue ich mich auf eine stimmungsvolle Kulisse, eine moderne Halle und natürlich das olympische Fluidum. In Tokyo waren ja durch die Corona-Pandemie keine Zuschauer zugelassen, galten erhebliche Beschränkungen, um so ausgelassener sollte daher die Atmosphäre in Paris sein.
Letzte Frage: Immer nur Wasserspringen kann es auch nicht sein. Wie sieht Ihr Leben neben dem Wasserspringen aus?
Jette Müller: Im letzten Jahr machte ich mein Abitur, nach Olympia möchte ich studieren – wahrscheinlich Medienwissenschaften. Während einer olympischen Saison bleibt aber wenig Zeit für andere Dinge. Das Training ist schon hart und schlaucht. Da ist man froh, wenn man daheim etwas relaxen kann, denn die Kräfte müssen eingeteilt werden. Dennoch versuche ich, Freunde zu treffen oder mal ins Kino zu gehen. Allerdings bin ich derzeit kaum zu Hause, immer auf Achse zu Wettkämpfen oder im Training.
Vielen Dank und alles erdenklich Gute für die olympische Saison 2024!
EXKURS - Das Wasserspringen aus deutscher und M-V-Sicht – ein Blick in die olympische Historie
Bei Olympia errangen deutsche Wasserspringerinnen und Wasserspringer seit 1904, bis 2021, übrigens bisher siebenmal Gold und insgesamt 34 Medaillen. Gold ersprangen Albert Zürner (Kunst, 1908), Paul Günther (Kunst, 1912), Ingrid Engel-Krämer-Gulbin (Turm, 1960, Kunst, 1960, 1964), Martina Jäschke (Turm,1980) und Falk Hoffmann (Turm, 1980).
Rostock – die deutsche Hochburg des Wasserspringens
Viele Weltmeister und Olympiasieger, die bei Wettkämpfen in Rostock, unter anderem beim Internationalen Springertag, teilnahmen und triumphierten, lassen erahnen, welche großartige Heimat das Wasserspringen in Rostock hat: Irina Kalinina (Sowjetunion), Klaus Dibiasi (Italien), Gao Min (China), Christa Köhler (Deutschland, Rostock), Phil Bogs (USA), Falk Hoffmann (Deutschland), Carlos Giron (Mexiko), Dimitri Sautin (Russland), Ingrid Krämer (Deutschland, Dresden, Rostock) oder Ulrika Knape (Schweden) – nur einige Beispiele von zahlreichen.
Rostock und Wasserspringen – eine Erfolgssymbiose
Ingrid Krämer machte den Auftakt
Begonnen hat der olympische Medaillen-Segen für Rostock mit Ingrid Engel-Krämer. Diese gewann, für Dresden startend, 1960 die beiden Konkurrenzen 1960 in Rom im Kunstspringen (vor Paula Pope aus den USA sowie Elisabeth Ferris aus Großbritannien) und im Turmspringen (vor erneut Paula Pope aus den USA sowie Ninel Krutowa aus der UdSSR).
Vier Jahre später, in Tokyo 1964, kam die mittlerweile für Rostock startende Ingrid Engel-Krämer zu Gold im Kunstspringen (vor Jeanne Collier aus den USA und Patsy Willard aus den USA) bzw. im Turmspringen zu Silber (hinter Lesley Bush aus den USA und vor Galina Alexejewa aus der UdSSR). Christiane Lanzke, ebenfalls vom SC Empor Rostock, erreichte in Tokyo ebenfalls gute Resultate: Rang zehn im Kunstspringen, Platz fünf vom Turmspringen.
In Mexico-City 1968 erreichte Ingrid Engel-Krämer, inzwischen verheiratete Gulbin und wieder für Dresden antretend, Rang fünf im Kunstspringen.
Ebenfalls beim Wasserspringen 1964 am Start ... Der gebürtige Danziger, Jahrgang 1940, und Wahl-Rostocker bis 1961, Klaus Konzorr, nahm als Wasserspringer an den Spielen 1964 und dann auch 1968 und 1972 teil.
München 1972 mit einer Rostocker Troika
Respektable Ergebnisse schafften ein Rostocker und zwei Rostockerinnen dann in München 1972: Im Kunstspringen der Damen wurden Heidi Becker und Christa Köhler Neunte bzw. Elfte. Helge Ziethen erreichte den 12.Rang im Kunstspringen der Herren.
Silberne Momente in Montreal 1976
In Montreal 1976 gab es wieder Medaillen-Glanz für das Rostocker Wasserspringen. Christa Köhler, die später Trainer Max Kinast heiratete, holte vom 3 Meter-Brett Silber (hinter der Amerikanerin Jennifer Chandler und vor der Schwedin Ulrike Knape). Ihre Spezialität war der „Anderthalb Salto vorwärts mit dreifacher Schraube”.
Der Trainer und Ehemann Max Kinast zum olympischen Wettkampf 1976 „seiner“ Christa: „Christa war eine beachtliche `Mischung` aus Talent, Fleiß und Willensstärke. Sie zeigte ihre Stärke – gerade bei den internationalen Meisterschaften jener Jahre – in den Pflicht-Elementen. Vor allem beim WM-Sieg`73 war sie herausragend. Leider durfte ich sie 1976 nicht nach Montreal begleiten: ein sportliches Ehe-Paar zu einem solchen Ereignis, da hatten einige damalige Funktionäre wohl Angst, dass wir im `westlichen Ausland` blieben. Allerdings sah ich mir die Video-Aufzeichnungen nach dem olympischen Wettkampf an. Christa war eindeutig in der Pflicht stärker als die spätere Olympiasiegerin Jennifer Chandler. Jennifer hatte sich aber dann in den Kür-Sprüngen gut `verkauft`, so dass der Sieg der Amerikanerin letztendlich in Ordnung ging, wenn auch mit zu großem Punkt-Abstand zu Christa.“
Außerdem starteten aus Rostocker Sicht in Montreal ebenfalls Dieter Waskow (Platz 14 im Kunstspringen und Platz 10 im Turmspringen) sowie Heidi Ramlow, geborene Becker (Platz 4 im Kunstspringen und Platz 8 im Turmspringen).
Zwischen Moskau 1980 und Budapest 1984
Bei den Olympischen Spielen in Moskau 1980 setzte dann ein Rostocker Quartett die Rostocker Wassersprung-Tradition in beachtlicher Art und Weise fort: Dieter Waskow wurde Fünfter vom Turm und Zehnter beim Kunstspringen. Thomas Knuths belegte den sechsten Rang im Kunstspringen. Silber-Jubel gab es zudem für Martina Proeber beim Kunstspringen und Rang 4 vom Turm für Ramona Wenzel. Der spätere Olympia-Stützpunkt-Trainer in Rostock von 2013 bis 2017, Falk Hoffmann, brillierte in Moskau 1980 mit Gold vom Turm und mit Rang vier im Kunstspringen.
Zum Silber-Gewinn der Rostocker Martina Proeber äußerte sich Rostocks Wassersprung-Nestor Edgar Koppe folgendermaßen: „Die Olympischen Spiele 1980 habe ich leider nur zu Hause am Fernseher erlebt. Dass Martina jedoch eine gute Rolle spielen könnte, darauf hatte ich sehr gehofft. Aber eine Medaille war jedoch eine angenehme Überraschung. Dazu kam ja noch der vierte Platz von Ramona Wenzel im Turmspringen. Es waren sehr erfolgreiche Spiele für uns.“
Leider waren auch die Moskauer Spiele „Boykott-Spiele“, wie schon jene in Montreal 1976 und dann in Los Angeles 1984, was jedoch die hervorragenden Leistungen und Erfolge der teilnehmenden Athletinnen und Athleten nicht schmälerte.
Olympia 1984 in L.A. fand fast gänzlich ohne den Ostblock - mit Ausnahme Chinas, Rumäniens und Jugoslawiens - und damit auch ohne die DDR statt. Bei den alternativen Konkurrenzen für jene Wasserspringerinnen und Wasserspringer, die in Los Angeles nicht starten durften, den Wettkämpfen der Freundschaft in Budapest, waren auch Sportlerinnen und Sportler aus Rostock dabei - und das mit großem Erfolg. Dieter Waskow wurde Erster im Turmspringen und Zweiter im Kunstspringen, Thomas Knuths durfte sich über Silber, hinter Dieter Waskow, im Turmspringen freuen. Außerdem belegte Ramona Wenzel Platz zwei im Turmspringen.
Von Atlanta 1996 nach Sydney 2000
Erst 12 Jahre später gab es dann auch wieder olympische Medaillen-Freuden aus Rostocker Sicht. Annika Walter (WSC Rostock) überraschte bei den Spielen 1996 in Atlanta mit Silber im Turmspringen.
Dörte Lindner holte folgend bei den Spielen 2000 in Sydney Bronze im Kunstspringen für Rostock. Im Synchronspringen schaffte sie mit Conny Schmalfuß vom TSC Berlin Platz sieben. Ihr Vereinskollege vom WSC Rostock, Stefan Ahrens, schaffte dazu einen guten neunten Rang im Kunstspringen vom Drei-Meter-Brett.
Eine Demminerin mit Wassersprung-Bronze
Eine gebürtige Demminerin, für den SC DHfK Leipzig startend, war vier Jahre später in Athen 2004 im Kunstspringen dabei - Heike Fischer. Noch ohne größeren Erfolg... Der stellte sich jedoch in Peking 2008 ein, als es für Heike Fischer, zusammen mit Ditte Kotzian vom TSC Berlin, Bronze im Sychronspringen vom 3 Meter-Brett gab.
Nun ist Jette dran...
Und nun trägt Jette Müller vom WSC Rostock den olympischen "Staffelstab" für die MV-Wasserspringerinnen und Wasserspringer bei den Spielen in Paris 2024 weiter!
Marko Michels

