Der Mehrkampf in der Frauen-Leichtathletik. Das war in den letzten vier Jahrzehnten durchaus auch eine MV-Erfolgsdisziplin. Namen, wie Anke Behmer (SC Neubrandenburg), EM-Vierte 1982, EM-Erste 1986, WM-Dritte 1983 oder Olympia-Dritte 1988 in Seoul, Heike Tischler, EM-Zweite 1990, Birgit Gautzsch (Schweriner SC), Universiade-Zweite 1993, Sonja Kesselschläger (SC Neubrandenburg), Olympia-Teilnehmerin 2004 in Athen bzw. 2008 in Peking, Universiade-Dritte 2001, Julia Mächtig (SC Neubrandenburg), Olympia-Teilnehmerin 2012 in London bzw. Junioren-WM-Dritte 2004 sowie Junioren-EM-Zweite 2005 prägten die leichtathletische Königinnen-Disziplin.

Mit der gebürtigen Neubrandenburgerin und früheren Athletin des SC Neubrandenburg, jetzt TSV Bayer 04 Leverkusen, Sophie Weißenberg, gibt es eine würdige Nachfolgerin. Und das kommt nicht von ungefähr, ist Sophie doch die Tochter von Heike Tischler, verheirate Weißenberg…

Seit 2016 taucht Sophie beständig in den internationalen Bestenlisten des Siebenkampfes auf. So wurde sie 2018 beim Thorpe-Cup Erste und belegte bei den U 23-EM 2019 in Gävle Rang zwei, nachdem die ebenfalls sehr talentierte Weitspringerin bei den U 20-WM 2016 in Budgoszcz in dieser Einzel-Disziplin bereits Silber erkämpft hatte. Bei den vorerst letzten Leichtathletik-WM 2023 in Budapest überzeugte Sophie mit Rang sieben – nur wenige Punkte fehlten zur Bronzemedaille.

Die 2024er Saison ist natürlich auch für Sophie eine olympische. Paris ist das Ziel – und auf dem Weg dorthin gibt es einige Hürden zu meistern.

Nachgefragt bei Sophie

Sophie über ihren Weg nach Paris, die nächsten Herausforderungen, ihre sportlichen Ziele und ihr Leben neben dem Sport

„Möchte zeigen, dass auch mit mir zu rechnen ist!“

Frage: Neues Jahr, neues Glück. Wie sieht Dein Fahrplan zu den Spielen nach Paris aus? 

SW: Der Plan bis Paris ist sehr klar und ohne große Umwege. Wir werden noch zwei Trainingslager vor den Spielen haben – eines in Stellenbosch (Südafrika) im März und ein weiteres in Belen (Türkei) im April. Danach steige ich in Neuwied mit einem Vierkampf ein. Der erste Mehrkampf wird dann in Götzis sein. Wenn alles gut läuft, folgen danach Rom, mit den EM, und letztendlich Paris mit den Olympischen Spielen! 

Frage: Bronze war bei den WM 2023 im Bereich des Möglichen. Welche Ziele hast Du für Paris?
 
SW: Erst einmal ist natürlich das große (Teil)ziel, in Paris dabei zu sein. Wenn das geschafft ist, gilt der volle Fokus dem Wettkampf. Ich möchte eine persönliche Bestleistung in Paris anstreben und dann wird man sehen, wo mich das hinbringt. Ich bin mir sicher ,es wird ein extrem starkes Feld in Paris an den Start gehen und es gibt viel Siebenkämpferinnen, die das Zeug dazu haben, sich ein Platz unter den besten Drei zu sichern. Aber auch jeder Mehrkampf birgt seine Tücken. Auf jeden Fall möchte ich wach sein, nach vorne orientieren und sobald sich eine Chance eröffnet, um ganz vorne mitzuspielen, werde ich körperlich und mental bereit sein, diese zu nutzen!

Frage: Die maßgeblichen Mitstreiterinnen um Medaillen und vordere Plätze dürften aus Großbritannien, den USA und den Niederlanden kommen. Mit wem rechnest Du in Paris?

SW: Wie gerade schon erwähnt, es wird ein hochkarätiges Feld in Paris am Start sein. Es gibt viele, mit denen man rechnen kann und auch muss. Neben den offensichtlich favorisierten Athletinnen, wie Nafissatou Thiam (Belgien), Katarina Johnson-Thompson (Großbritannien), Anna Hall (USA) oder Anouk Vetter (Niederlande), gibt es eine Reihe weiterer Athletinnen, bei denen man gespannt sein kann, was sie im Olympia-Jahr auf die Bahn bringen. Nichtsdestotrotz möchte ich mein Bestes geben. Ich kann nicht beeinflussen, was alle anderen machen, nur das was ich zeige. Und ich möchte zeigen, dass auch mit mir zu rechnen ist!

Frage: Der erste herausragende Erfolg in Deiner Mehrkämpferinnen-Karriere war der Erfolg beim Thorpe-Cup 2018 (Anmerkung: Der Amerikaner Jim Thorpe ist der Olympiasieger 1912 im Fünfkampf und im Zehnkampf!). Was bedeutet Dir dieser Erfolg?

SW: Der Sieg beim Thorpe-Cup hat eine besondere Stellung. In dem Jahr habe ich meinen Weg zurück zum Mehrkampf gefunden und meinen ersten 6000er bei diesem Wettkampf erzielt. Natürlich denke ich daher gerne an diesen Wettkampf zurück und habe ihn in guter Erinnerung! 

Frage: Auch in den folgenden Jahren gab es einige Erfolge für Dich… Welches war für Dich der schönste?

SW: Das ist schwer zu sagen. Jeder Erfolg hat seine eigene Geschichte und seinen eigenen Wert. So waren sowohl mein erster Start beim Hypo-Meeting oder auch mein Sieg in Ratingen wirklich tolle Momente. Stolz bin ich auf meinen zweiten Platz bei den U23 Europameisterschaften. Die Medaille habe ich mir sehr hart erkämpft und es ist eine große Motivation für mich, so einen Moment auf dem Podium auch im Elite-Bereich zu erleben. Aber nicht zuletzt der siebente Platz in Budapest hat mir viel bedeutet, gerade nach dem Aus in Eugene (bei den WM ein Jahr zuvor) und es war für mich ferner mental wichtig, um zu begreifen, dass ich solche Platzierungen erreichen kann, in die erweiterte Weltspitze gehöre und auch noch mehr drin ist. 

Frage: Immer nur Sport geht ja nicht… Du absolvierst seit 2019 zudem ein Psychologie-Studium, warst 2017/18 „auf Achse“ in Australien. Warum gerade Psychologie und warum gerade Australien? 

SW: Australien hat mich schon immer gereizt und begeistert. Es ist eine ganz andere Welt, weit weg von Europa und meiner Meinung nach auch eines der schönsten Länder, in denen ich war! 
Und Psychologie… Es hat mich einfach schon immer interessiert. Ich habe abwägen müssen zwischen Medizin - was mich auch sehr interessierte - und Psychologie. Das Medizinstudium ist aber gerade mit all den praktischen Kursen sehr zeitintensiv und aufwändig. Klar, wenn man will, kann man alles schaffen und das zeigen ja auch einige Profisportler. Aber für mich war es einfach nicht vorstellbar, dass ich das Mehrkampftraining und ein Medizinstudium unter einen Hut packen kann. Deshalb ging ich zur Psychologie und auch das ist natürlich ein anspruchsvolles Studium, wie jedes andere auch, jedoch ich war freier und flexibler in meiner Kurswahl und der Umsetzung des Studiums! 

Frage: Bei all den Aktivitäten… Wie sieht Dein Tagesalltag aus?

SW: Momentan liegt der Fokus klar auf dem Sport. Eigentlich dreht sich mein ganzer Tag darum. Ich habe acht- bzw. neunmal die Woche Training. Dazu kommt viermal die Woche Physiotherapie - und die eigene Verantwortung für eine optimale Regeneration zu sorgen. Ich versuche, mich regelmäßig mit Freunden zu treffen und aufzupassen, dass ich auch noch Interessen habe, welche abseits der Leichtathletik liegen, um Abwechslung im Alltag und im Kopf zu behalten. Zur Uni muss ich nicht mehr gehen, da ich alle Klausuren geschrieben habe. Ich muss allerdings noch meine Bachelorarbeit schreiben, an der ich zur Zeit schon arbeite. Dieses kann ich - zum Glück - viel von „daheim“ machen, ab und zu muss ich aber auch ins Labor. Das lege ich mir dann in meine trainingsfreie Zeit. 

Vielen Dank und alles erdenklich Gute für Paris! Wir drücken die Daumen!

 

Die Fragen stellte: Marko Michels.